Drei Zimmer für 31,60 Mark
Jul
28
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Mittwoch, 28. Juli 2010
Grüne rufen Geschichte der Spinnerei-Wohnungen in Erinnerung.
Mit einer Veranstaltung über die Geschichte der Offenburger Spinnerei hat die Gemeinderatsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen für den Erhalt der Arbeiterwohnungen zu erschwinglichen Mietpreisen geworben: "Wir wollen nicht nur über die Häuser reden, sondern auch über die Menschen", sagte Stadtrat Stefan Böhm im voll besetzten Saal der Villa Bauer.
Vor zwei Jahren entstand Unruhe unter den jetzigen Mietern der Wohnungen in der Kronenstraße. Nach der Schließung der Spinnerei konnten sich die Bewohner nicht sicher sein, ob die denkmalgeschützten Häuser erhalten bleiben oder mit der Sanierung des Mühlbach-Areals abgerissen werden. Eine Gruppe überreichte OB Edith Schreiner einen Brief, in dem geschlossen für den Erhalt des sozialen Wohnraums argumentiert wurde. Allerdings ist nicht die Stadt Eigentümerin, sonder Armin Knauer von der HOS GmbH. Wie er sich entscheiden wird, ist nach wie vor offen.
Vor einem Jahr gründete sich innerhalb der Grünen eine Arbeitsgemeinschaft, die viele Gespräche mit den Bewohnern führte und sich intensiv mit einem zentralen Stück Offenburger Zeitgeschichte auseinandersetzte. In einem Lichtbildvortrag haben Mechthild Fuchs, Heike und Andrea Westermann sowie Antje Krotzinger die Ergebnisse zusammengetragen. Mit vielen Beiträgen begleiteten die interessierten Zuhörer den Blick in die Vergangenheit. Die Herausgabe einer Broschüre ist geplant.
Die drei unternehmungslustigen Männer André Köchlin, Ernst Haager und Karl Zinth hatten 1857 mehrere Mühlen aufgekauft und damit den Grundstein für den größten Betrieb Offenburgs mit der längsten Tradition geschaffen. 150 Arbeiter und 380 Webstühle machten den Anfang, sechs Jahre später waren es bereits 515 Menschen, die in der Spinnerei ihre Brötchen verdienten. Offenburg als günstiger Verkehrsknotenpunkt war wie geschaffen für die Ansiedlung eines solchen Unternehmens, das sein Rohmaterial Baumwolle zum Teil aus den Südstaaten der USA bezog und mit Endprodukten wie Uniformen und Fahnen immer wieder von den großen kriegerischen Auseinandersetzungen profitierte. Während die Männer die Maschinen im Erdgeschoss bedienten, mussten die Frauen im Keller die Garnrollen sortieren; nach erfolgreichem Protest wurde der Betonboden mit Holzlatten belegt.
Die Werkswohnungen entstanden 1896, als viele Arbeiter von der heimischen Tabakindustrie abgeworben wurden und man mit besseren Bedingungen für attraktive Arbeitsplätze sorgen wollte. Die Ausstattungen waren bescheiden, eine Kanalisation gab es erst nach dem zweiten Weltkrieg. Samstags war Badetag, in der Waschküche wurde ein großer Kessel mit 100 Liter Wasser erhitzt: "Danach waren wir alle picobello sauber", erinnert sich eine Bewohnerin. 1966 mussten für drei Zimmer und 63 Quadratmeter 31,60 DM Monatsmiete gezahlt werden: "Das war auch damals billig", wird diese Summe kommentiert. Noch heute wird vom "Bau" gesprochen, wenn von den Arbeiterwohnungen die Rede ist. Negativ sei das nicht gemeint, versicherte ein ehemaliger Bewohner, die Assoziation "Gefängnis" sei nicht mitgeschwungen.
Als Ehrengast konnte die langjährige Leiterin des Werkskindergartens begrüßt werden. Gertrud Baumann ist vielen als "Tante Gertrud" positiv im Gedächtnis geblieben. Von 1949 bis 1975 war die Erzieherin in zwei nebeneinander liegenden Werkswohnungen zum "Segen der Kinder" tätig, bastelte mit den Kleinen und führte Singspiele in der Oberrheinhalle auf.
Dass die Wohnungen erheblich saniert werden müssen, um dem aktuellen Standard zu entsprechen, darüber waren sich die Besucher einig. Andererseits stecke sehr viel Herzblut in dem ganzen Ensemble, das nicht mit Geld aufzuwiegen sei.
Autor: Gertrude Siefke